Empathie für den Angreifer? – Der Blickwinkel ist entscheidend

Kürzlich habe ich den Satz gelesen, dass sich ein/e gute/r Krimiautor/in dadurch auszeichnet, dass sie oder er sich in den Täter/die Täterin hineinversetzen kann, also über ein gutes Einfühlungsvermögen verfügen muss.  Eine interessante und nachvollziehbare Aussage.  Empathie in der Selbstverteidigung verbinden die meisten Menschen wohl damit, dem nach erfolgreicher Selbstverteidigung nun ehemaligen Täter zum einen zu schonen, das heißt nicht nachzutreten, oder auch aufzuhelfen bzw. den Krankenwagen zu rufen.

Folgende Situation habe ich vor ein paar Tagen miterlebt: bei einer morgendlichen Joggingrunde am Sonntag sah ich von weitem schon eine Joggerin, die in meine Richtung lief. Gleichfalls alleine wie ich. Ein paar Augenblicke später, durch Bäume und Büsche war die Sicht versperrt, bot sich mir ein komplett anderes Bild: die junge Frau lief gerade an drei parkenden LKW´s vorbei. Zwischen den LKW´s saßen drei Männer, vermutlich die Fahrer, an einem Klapptisch mit lauter Musik, die die Joggerin anscheinend schon früher bemerkt hatten. In dem Moment, als ich etwas weiter entfernt um die Ecke bog, standen die drei Männer gerade auf und gingen in Richtung joggender Frau. Diese bemerkte davon nichts und lief unbeirrt weiter. Die aus ihrer Sicht erkennbare Situation hat sie  anscheinend völlig anders eingeschätzt als ich, da sie noch nicht einmal die Notwendigkeit sah, auf der anderen Straßenseite zu laufen. Zum gleichen Zeitpunkt bemerkte mich einer der Männer und die Situation nahm einen anderen Lauf. Zwei Männer setzten sich, einer ging zum Führerhaus eines LKWs, um die Tür aufzumachen. Die sehr junge Frau lief weiter, nichts ist passiert.

Während ich meine Runde beendete, hatte ich genug Zeit, mir diese Situation durch den Kopf gehen zu lassen. Ich war eigentlich selbst erschrocken darüber, fühlte mich aber in meiner Anschauungsweise bestätigt.

Drei mögliche Sichtweisen                     

Die junge Frau hat diese potentiell gefährliche Situation zum einen nicht wahrgenommen, weil sie hinter ihr geschehen ist, zum anderen anscheinend auch völlig anders eingeschätzt als ich. Obwohl sie vorher diese kleine Männergruppe am Sonntagmorgen sah und weit und breit kein anderer Mensch in der Nähe war, auch nicht bei der Firma vor der die Fahrer warteten, um ihre Lieferung abzuladen, entschloss sie sich diesen Weg weiter zu laufen. Auch die Möglichkeit, einen kleinen Umweg zu laufen, war keine Notwendigkeit für sie.

Aus Sicht der Männer glaube ich sagen zu können, dass diese Situation womöglich günstig gewesen wäre, eine Straftat, zumindest jedoch einen sexistischen Spruch und damit einen Höllenschrecken für die Frau, zu begehen. Ich glaube hier trifft das Sprichwort “Gelegenheit macht Diebe“ ziemlich genau zu.

Aus meiner Sicht hätte die Situation auch völlig anders verlaufen können, ich sah mich augenblicklich in der Position des Helfers, desjenigen der Hilfe leistet, der couragiert eine brenzlige Situation lösen muss.  Womöglich gegen drei Gegner. Wie so etwas ausgegangen wäre, vermag ich nicht zu beurteilen, ich kann mir aber verschiedene Ausgänge vorstellen.

Einfühlungsvermögen oder Vorstellungskraft?

Allerdings zeigt es, dass Einfühlungsvermögen vor allem deshalb wichtig ist, um sich in solche plötzlich auftretende Begebenheiten gedanklich hineinzuversetzen, um die mögliche Gefahr zu erkennen und sich derer bewusst zu werden. Das ist meiner Ansicht nach ein großes Defizit, da es nicht um die eigenen Vorstellungsmöglichkeiten geht, sondern die von anderen, eben der möglichen Täter/ Angreifer. Genau wie eben ein/e Krimiautor/in. Diese Art der Empathie würde dafür sorgen, mit vielen Situationen achtsamer umzugehen und den Überraschungsmoment und damit die Handlungsunfähigkeit zu minimieren.

Man ist jedes Mal bestürzt, wenn man in den Nachrichten Unvorstellbares hört wie z.B., dass eine Mutter ihren kleinen Sohn zur Prostitution verkauft hat, dass es Massenvergewaltigungen gibt, dass Jugendliche mit Messern angreifen, dass der nette Mann von nebenan pädophil ist, es jahrelangen Missbrauch an Schulen, Institutionen usw. gegeben hat oder die Dimension der #metoo Debatte.

Auch mir geht es immer wieder so, wenn ich Workshops in Schulen oder Institutionen gebe. Manchmal reicht meine Phantasie nicht aus, um mir vorzustellen, was in der Firma oder Einrichtung das genaue Problem darstellt. Durch das Hineinversetzen in die entsprechende Situation jedes/r Einzelnen gelingt es mir jedoch und ein möglicher Lösungsvorschlag aus Sicht der Selbstverteidigung besteht immer.

Erfolgreiche Selbstbehauptung durch Realität

Ein sehr wichtiger Punkt einer wirklich erfolgreichen Selbstverteidigung ist, sich darüber im Klaren zu sein, dass alles denkbar ist. Die Handlungsfähigkeit erhalten bedeutet auch, nicht überrascht, besinnungs-, kraft- und machtlos zu sein. Das Unvermögen, sich in den Täter oder die Täterin hineinzuversetzen, sorgt dafür, dass das Unvorstellbare passiert.

Das ist nämlich auch das, was uns bei einem wirklich guten Krimi oder Thriller fesselt.


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